Kulturerbe-Orte News

  • Ein Kulturfest am Schöpfwerk Neutornow 
    Foto: Torsten Stapel

    Bei einer außergewöhnlichen Veranstaltung am 17. August kommen Clownerie, Artistik, Musik und Spiel in die Oderbruch-Gemeinschaft um die Erlangung des Europäischen Kulturerbe-Siegels zu feiern

    Zu einem „Kulturfestival am Kulturerbe-Ort“ laden die Kommunale Arbeitsgemeinschaft und das Oderbruchmuseum am 17. August ab 16 Uhr an einen der prominentesten Kulturerbe-Orte des Bruchs: das Schöpfwerk Neutornow in Schiffmühle

    Eine internationale Künstlerschar unter der Leitung des Schweizer Performers Georg Traber wird sich den sonst nicht zugänglichen Platz erobern. Die Künstler setzen sich dabei mit ihrer direkten Umgebung auseinander und „erspielen“ sich den Raum mit kleinen Theaterstücken, Performances, Artistik und Shows. Nicht umsonst wählen sie dafür eine sehr ungewöhnliche Tournee-Form: Sie gelangen über den Finowkanal und die Alte Oder bereits einen Tag zuvor mit Tretbooten in die „Tornsche See“- ein Wanderziruks zu Wasser und ohne Zelt. 

    Foto: Torsten Stapel

    „Wir sind sehr froh, dass wir die Festival-Gruppe zu dem langen Wasser-Weg von Eberswalde bis ins Oderbruch überreden konnten,“ freut sich Kenneth Anders, Programmleiter des Museums. „Wer die Traber-Produktionen von Guten Morgen Eberswalde oder vom dortigen Weihnachtsmarkt kennt, weiß, dass ungewöhnliche und erstaunende Dinge geschehen und wir eine sehr direkte Form der Kunst erleben können. Auch der besondere Ort wird seinen Teil zum Erlebnis beitragen. Wir sind Martin Rudolf vom Landesumweltamt sehr dankbar, dass er für die Veranstaltung die Tore öffnet und zugleich eine Gelegenheit bietet, den beeindruckenden Bau mit seinen drei großen Pumpen zu erleben.“ 

    Dank gilt auch dem Förderverein der Freiwilligen Feuerwehr Schiffmühle, welche die Versorgung der Gäste übernimmt. 

    Zu der öffentlichen Veranstaltung wurden neben den Bewohnern des Oderbruchs gezielt die Akteure der Kommunen und aller 40 Kulturerbe-Orte eingeladen, um gemeinsam die Erlangung des Europäischen Kulturerbe-Siegels in diesem Jahr zu feiern. Das Oderbruch hatte diese Auszeichnung zum Sommerbeginn als erste Landschaft überhaupt erhalten. 

    Informationen zur Veranstaltung: 

    Beginn 16 Uhr, Dauer bis ca. 20 Uhr.

    Der Eintritt ist frei.

    Parkplätze finden Sie entweder am Bruchsee oder unterhalb des Schöpfwerks entlang der Stallanlagen der Agrogenossenschaft. 

  • Digitales Geschichtenerzählen
    Sebastian und Jakob in der Vorstellungsrunde

    Erste Ergebnisse eines intensiven Ferienworkshops

    Im Jahr 2021 hat die Kulturerbe-Initiative mit der Projektidee „GeschichtenerzählerInnen – Kulturerbe-Orte digital“ den 6. Initiativpreis der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gewonnen. So konnte das Museum Anfang August Kinder ab 11 Jahren zu einem kostenlosen Workshop-Angebot begrüßen. 

    Die Idee ist einfach: Betreiberinnen und Betreiber von Kulturerbe-Orten haben das regionale Wissen, welches an die jüngere Generation weitergegeben werden sollte, wenn nicht gar weitergegeben werden muss. Die Jugendlichen haben das Interesse und die Fähigkeiten mit neuen Medien umzugehen. Jung und Alt kommen zusammen und erproben neue Erzählformate, wie regionales Wissen bewahrt und digital dargestellt werden kann. Die Möglichkeiten sind vielfältig und übertrafen sogar unsere Erwartungen. 

    Unterstützt von Sebastian Probst-Lübeck von der Agenturfuerkrankemedien und dem Youtuber und Kunst-Comedian Jakob Schwerdtfeger entstanden wertvolle Arbeiten, die in die Zukunft des Geschichtenerzählens  weisen. 

    So beschäftigten sich zum Beispiel Till, Lillie, Mathilde und Artur in ihren Filmen mit den zwei Theorien zum Ortsnamen Wollup und drehten einen dramatischen Film zum Mega-Biber (noch einmal: das haben die Kids an zwei Tagen selbst gemacht – eine Wahnsinns-Leistung):

    https://youtu.be/dmJg0_yknuQ
    https://www.youtube.com/watch?v=jd8PpI_HK48

    Hier noch zwei weitere Videos der jungen TeilnehmerInnen. Einmal eine klassische Instagram-Story, welche den abschließenden Ausflug mit einem Schiff von einem Kulturerbe-Ort, dem Oderberger Binnenschifffahrtsmuseum, zum Schiffshebewerk Niederfinow erzählt. Zudem drehte eine Truppe einen Nachrichtenbeitrag für ihre „Kienitzer Rundschau“.

    https://youtu.be/4pn_mfUER1Q
    https://youtu.be/RM7IoXaGuio

    Emil, Jorek und Hannes beschäftigten sich mit dem Leben der Charlotte von Mahlsdorf und den Weg, den ihre Möbel ins Oderbruchmuseum genommen haben. Dazu erfanden sie quasi ein neues Format: ein Quizcast.

    Quizcast zu Charlotte von Mahlsdorf

    Auch eine Website wurde entworfen. Ein kleines Team erzählt hier die fiktive Geschichte einer Fauchschabe und ihren Weg ins Oderbruchmuseum mit Texten, Videos, kleinen Hörstücken und weiteren Möglichkeiten des digitalen Geschichtenerzählens wie eine Quizfrage und Links zu weiteren Informationen.

  • Eigener Herd ist Goldes wert
    Küche in der Heimatstube Neulewin. Alle Fotos: © Michael Anker

    Reise durch die Kulturerbe-Orte des Oderbruchs – Episode 14

    Heimatstuben und Dorfmuseen sind die Seelen-Orte des Kulturerbes im Oderbruch und sie sind wahre Zeitkapseln. Über Jahrzehnte, oft noch weit länger sammelten die Menschen dort Gegenstände des täglichen Gebrauchs – natürlich erst wenn sie durch modernere oder neue ausgewechselt wurden – quasi nicht mehr gebraucht wurden. Einige dieser Sammlungen früheren Lebens, früherer Kultur, sind inzwischen Mitglieder im Netzwerk der Kulturerbe-Initiative. Nun darf man den Begriff Museum in diesem Zusammenhang nicht allzu wörtlich nehmen. Die Bandbreite dieser Orte reicht von einzelnen Zimmern in Gemeindehäusern bist zu komplett umgewidmeten Gebäuden. Die kleineren unter ihnen werden wir in dieser Episode besuchen.

    Wie die Bewohner vieler ländlicher Regionen, fühlen sich auch die Oderbrücher der Tradition verpflichtet. Ihnen wäre es nicht in den Sinn gekommen, lieb gewonnene aber „ausgediente“ Gegenstände achtlos wegzuwerfen. Oft wurden sie zu neuem Gebrauch verändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel wurden, nicht nur aus der materiellen Not heraus, Stahlhelme zu Kochgeschirr umgearbeitet. Lange bevor die Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ zu ihrem Leitmotiv machte. Anderen Metallgegenständen wurde, in den einstmals in vielen Dörfern vorhandenen Schmieden, neues Leben eingehaucht. Recycling oder Upcycling waren auf dem Land gängige Praktiken, bevor diese Begriffe „erfunden“ wurde.

    Aber nicht nur das, oft wurden landwirtschaftliche Werkzeuge auf diese Weise den hiesigen Bedingungen angepasst oder zu einzigartigen Geräten weiterentwickelt. Was dann wirklich „zu nichts mehr nutze“ war, landete auf dem Schrottplatz. Einige Engagierte, wie der heute 90-jährige Helmut Hulitschke, die diese einzigartige Sammelleidenschaft in sich spüren, bargen die Geräte und sorgten sich um ihren Erhalt. „Im Jahr 1998 gründeten meine Frau Ursula und ich das Friedrichsauer Dorfmuseum. Es ist im ehemaligen Kulturhaus, der späteren Konsum-Gaststätte, untergebracht. Seit 1947 sammelte ich was andere Leute wegwarfen – alte Ackergeräte, Werkzeuge und Dokumente. Die Staatsdomäne Friedrichsaue war nach dem Krieg total zerschossen. Alles lag herum, man musste sich nur bücken. Viele Gerätschaften landeten damals auf dem Schrott. Hätte ich sie nicht geholt, sie wären weg gewesen. Ich machte mir die Mühe, sie wieder aufzubauen. Nachdem die Leute die erste Ausstellung sahen, kamen manche mit einer ganzen Hängerladung voller alter Geräte zu mir. So wuchs die Ausstellung nach und nach“, erzählt Helmut Hulitschke. In seinem kleinen Museum sind die Abteilungen nach im Oderbruch angebauten Feldfrüchten sortiert, Zuckerrüben, Getreide, Kartoffeln – Häufelpflug, Schuffler, Kartoffelklapper oder eine über hundert Jahre alte Bodenwalze.

    Nichtmetallischer Hausrat landete auf den Speichern oder Dachböden und geriet für eine kürzere oder längere Zeit in Vergessenheit. Meist bei Renovierungs- oder Umbauarbeiten wurden die „historisch gereiften“ Objekte wiederentdeckt und fanden dann den Weg in die Sammlungen der Heimatstuben. Es ist erstaunlich was auf diese Weise die Zeit überdauerte: ganze Kücheneinrichtungen mit Möbeln, Geschirr und Vorratsbehältern oder Zimmerausstattungen ebenfalls mit Möbeln, Bettzeug und Textilien sowie bäuerliche Gerätschaften. Aus einzelnen Sammlungsstücken haben ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer der Heimatstuben Szenen früheren bäuerlichen Lebens zusammengestellt. Solche Ausstellungen zeigen die Heimatstuben von Bliesdorf, Neulewin, Wollup oder Letschin. Daneben gibt es weitere Mini-Museen, die sich speziellen Themen widmen, wie die Dorfschule Neuhardenberg oder das Korbmachermuseum Buschdorf. Beide werden wir in anderen Episoden unserer Reise durch die Kulturerbe-Orte besuchen.

    Das Fachwerkhaus der Heimatstube in Neulewin, ein Tagelöhnerhaus, wurde 1885 gebaut. „Trotz seiner bescheidenen Größe wohnten in ihm einst zwei Familien. Jede mit eigener Küche“, erzählt Monika Kaiser, die sich mit vier weiteren Mitgliedern des Heimatvereins um den Erhalt der Sammlung kümmert. Landarbeiter oder Tagelöhner hätten früher unter sehr ärmlichen und beengten Verhältnissen in solchen Häusern gewohnt. Bis 1989 sei die eine Haushälfte, die zweite war bereits baufällig, noch von einer alten Frau bewohnt worden. Nachdem diese verstorben war, erwarb die Gemeinde das Haus und baute es zur Heimatstube um. Die Räume beherbergen jetzt vieles von dem, was ein Haushalt vor einhundert Jahren benötigte. Über der gemauerten Kochmaschine in einer der beiden Küchen prangt der Spruch „Eigener Herd ist Goldes wert“. Darunter befindet sich eine Sammlung von alten Küchenutensilien. Wenn die Verhältnisse auch bescheiden waren, so hatten die Bewohner immerhin ein Dach über dem Kopf. Obwohl die Zimmer heute verhältnismäßig hell sind, kann man einen guten Eindruck von der einstigen Enge bekommen. „Die Leute kamen ja früher nur zum Schlafen hierher. Die meiste Zeit des Tages waren sie auf den Feldern mit ihrer Lohnarbeit beschäftigt“, erwähnt Monika Kaiser noch.

    Einen ähnlich authentischen Eindruck bescheidenen Landlebens im Oderbuch, wie es die Heimatstube Neulewin vermittelt, gibt es auch in der Heimatstube in Bliesdorf zu sehen. Auch dort geht es sehr beengt zu. Besucher sollten sich vorab über die Öffnungszeiten der kleinen Häuser informieren. Die ehrenamtlichen Betreuer sind oft auch bereit, außerhalb dieser Zeiten für Interessierte zu öffnen. Kontaktmöglichkeiten finden sich in der Broschüre „Schau ins Bruch“. Sie ist an touristischen Punkten und im Museum kostenlos erhältlich.

    Weitere Informationen zu den Kulturerbe-Orten finden Sie unter: www.oderbruchmuseum.de/kulturerbe-orte.

    Bisher erschiene Episoden können Sie unter folgendem Link lesen: https://blog.oderbruchmuseum.de/category/kulturerbe.

  • Kulturerbe kurzgefasst
    Fot Maxi Hoops

    Am 13. Juni konnte die „Kommunale Arbeitsgemeinschaft Kulturerbe Oderbruch“ in Brüssel bei einer Preisverleihung ihre Auszeichnung als Europäisches Kulturerbe entgegennehmen. Mit dabei waren Brandenburgs Kulturministerin Dr. Manja Schüle und der Landrat des Landkreises Märkisch-Oderland Gernot Schmidt. 

    Einige Tage darauf hatten wir zum Jahresempfang des Landkreises die Gelegenheit, die Besonderheiten unserer Bewerbung noch einmal in der eigenen Region vorzustellen. Hier geben wir die Rede von Kenneth Anders wieder, der die Bewerbung in neun knappen Thesen erläuterte und den Abgeordneten seinen Dank für die Unterstützung aussprach.

    Meine sehr verehrten Damen und Herren,

    viel ist in den letzten Wochen und Monaten davon die Rede gewesen – das Oderbruch wurde als Europäisches Kulturerbe anerkannt. Am vergangenen Montag waren wir in Brüssel, um diese Auszeichnung abzuholen. Ich möchte Ihnen in neun kurzen Thesen vorstellen, was es damit auf sich hat und was vielleicht das Besondere unserer Initiative und Bewerbung ist.

    Erstens: Diese Initiative geht in erster Linie von den Dörfern aus, und sie wird von einer kommunalen Arbeitsgemeinschaft getragen, in der alle Oderbruchkommunen Mitglied sind. Daran sind zwei Dinge ungewöhnlich: Zum einen kommt es sehr selten vor, dass sich Kommunen zusammenschließen, um Regionalentwicklung im Medium der Kultur zu betreiben. Es gibt zwar kommunale Zweckverbände für Kultureinrichtungen, aber uns ist kein zweiter Fall in Deutschland bekannt, in dem Kommunen miteinander in einen offenen kulturellen Entwicklungsprozess treten. Es ist auch nicht eben üblich, dass sich Städte einer dörflichen Initiative anschließen und sie mit ihren besseren Möglichkeiten unterstützen, in der Regel ist es umgekehrt. Für diese Bereitschaft zu einer neuartigen Kooperation sollte man beiden Seiten Anerkennung zollen.

    Zweitens: Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Kulturerbe Oderbruch ist keine Beutegemeinschaft zur schnellen Einwerbung von Fördermitteln. Sie ist, im Gegenteil, zunächst eine Zahlgemeinschaft. Alle müssen etwas geben, damit die Sache ins Rollen kommt. Aus dieser Selbstverantwortung erwächst gerade die Lebensfähigkeit des Unterfangens. Natürlich werben wir Drittmittel ein und werden dies in Zukunft sogar verstärkt tun. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass die Region etwas für sich selbst tut.

    Drittens: Die Idee, die der Kulturerbe-Initiative zugrunde liegt, ist die einer regionalen Selbstbeschreibung. Das ist erst einmal keine touristische Strategie. Bevor wir für mehr Besucher werben, mussten wir erst selbst miteinander ins Gespräch kommen. Welche Geschichte und welche menschliche Arbeit prägen diese Landschaft? Welche Konflikte und Widersprüche machen sie aus? Wo liegt ihre Schönheit, und wo liegt ihr Schmerz und ihre Verwundbarkeit? Es gibt nur wenige Kulturprojekte, in denen diese Themen als gemeinsam immer wieder neu zu beantwortende Fragen behandelt werden. Sinn der Kulturerbe-Initiative ist es nicht, die Menschen zu belehren. Der Sinn ist es, miteinander sozusagen Musik zu machen – eine Musik, die in der eigenen Erfahrung wurzelt. Melodie und Rhythmus dieser Musik gehen von jenen aus, die bereits etwas in der Landschaft tun und ihr Wissen einbringen. Das hilft dann auch den neu Hinzuziehenden, ihre Rolle zu finden und mitzuspielen.

    Viertens: Um uns den Eigenheiten und dem Wert der Landschaft zu nähern, haben wir bereits 40 Kulturerbe-Orte von Oderberg bis Lebus, von Freienwalde bis Seelow, bald auch in Polen gefunden. Es sind Museen, Denkmale, Kolonisten- und Fischerdörfer, Kirchen, Parks, Schöpfwerke, sogar Baumalleen. Für jeden dieser Orte stehen Menschen ein. Wenn das Kulturerbe eine Musik ist, dann sind die Kulturerbe-Orte die Instrumente, und die Menschen an diesen Orten bilden das Orchester. Eine Landschaft ist kein einfaches Stück Musik. Sie hat ja nicht nur hübsches Fachwerk und Backstein, sie hat auch Wellasbest, Umgehungsstraßen und Gewerbegebiete. Man braucht also ein gutes Arrangement, um einen schönen Klang zu erzeugen.

    Fünftens: Das Europäische Kulturerbe-Siegel verlangt auch ein Projekt, in dem beschrieben wird, was mit dem Erbe angestellt wird. Dieses Projekt umfasst Bildung, was in unserem Falle heißt, jungen Menschen Möglichkeiten zu bieten, sich die Landschaft auf ihre Weise anzueignen. Es besteht zudem aus Öffentlichkeitsarbeit, Forschung, dem Austausch mit anderen Erbe-Stätten, und nicht zuletzt aus der Begegnung mit den Besuchern. Eine Besonderheit unseres Projekts ist sicher, dass auch diese Arbeit zu großen Teilen von den Bewohnern selbst geleistet wird und die wenigen Professionellen eher eine koordinierende Rolle spielen. Das passt auch zu unseren oftmals vor- oder nur halbprofessionellen touristischen Standards. Man kann über deren Unzulänglichkeiten klagen, aber das Leben im Bruch ist nun einmal so: Hier die Erwerbsarbeit, dort die Mitwirkung im Gemeinderat, hier das Brennholz oder der eigene Honig, dort die freiwillige Feuerwehr, hier die Hühner im Garten und dort nun eben Besucher von sonstewo auf ihrer Oderbruch-Erkundungstour. Was daraus entstehen kann, das ist Sache der gemeinsamen Entwicklung.

    Sechstens: Menschen machen Landschaft! In den gegenwärtigen Umweltdebatten wachsen die Zweifel am menschlichen Handeln in der Natur. Vor allem in den Ballungsräumen ist man unsicher, ob wir Menschen uns die Natur überhaupt aneignen dürfen – und das Oderbruch ist ein besonders krasser Fall von Naturaneignung. Die damit verbundenen Konflikte, Gefahren und auch Verluste sind real, und sie dürfen in der Selbstbeschreibung nicht fehlen. Aber dennoch nehmen wir diese Geschichte der preußischen Melioration und Kolonisierung mit Zuversicht als unser Erbe an. Der Drainspaten, der zum Zeichen des Oderbruch-Kulturerbes geworden ist, steht für die menschliche Arbeit und die kühne Schaffung eines Siedlungs- und Landwirtschaftsraumes. Dieses Selbstvertrauen ist inzwischen auch eine Seltenheit, und es hat eine politische Dimension.

    Siebentens: Wir haben in der Bewerbung einige wenige prägnante Aussagen getroffen: Da ist zunächst unser beispielhaftes Wassersystem, das wie eine riesige Landschaftsmaschine aus hunderten interagierenden technischen Elementen besteht. Der Witz liegt nicht nur in dieser technischen Leistung, sondern in ihrer stetigen Weiterentwicklung und Verbesserung über mehr als 10 Generationen, über 270 Jahre, über Kriege und Katastrophen hinweg. Diese Kontinuität war nur möglich durch eine Dialektik zwischen staatlichem und bürgerschaftlichem Handeln. Die Oderbrücher sind unbequem. Sie haben als freie Bauern hier gesiedelt, und sie ringen immer wieder mit ihren Regierungen um das, was man landschaftliche Vernunft nennen könnte. Bis heute bilden sie eine vitale ländliche Gesellschaft, die neue Menschen aufnehmen und sich selbst gut verwalten kann. Und alles, was diese Menschen bis heute getan haben, liegt in den Siedlungsstrukturen und Baudenkmalen vor uns, gut lesbar wie in einem offenen Buch.

    Achtens: Die Sprache, mit der wir die Sache angehen, geht von den Menschen aus. Es sind die ausgesprochenen persönlichen Gedanken und Erfahrungen, aus denen das gemeinsame Panorama der Kulturerbe-Landschaft entsteht. Lesen Sie es in den Werkstattbüchern zu den Jahresthemen oder an den Wänden der Ausstellungen in Altranft, und staunen Sie mit uns über die Klugheit, den Witz und die geistige Kraft der Menschen, die hier leben und arbeiten. Gegenwärtig schaffen bekenntnishafte Sprachformeln und omnipräsenten Großdiskurse eine Kultur des Nachplapperns. Wo aber die Sprache eine Hülle wird, verlieren wir die Kontrolle über unser Denken. Aus der Mitwirkung an der Gesellschaft wird das Sich-Einordnen in Kampagnen. Ich finde diese Entwicklung besorgniserregend. Im Kulturerbe Oderbruch vertrauen wir darauf, dass die Menschen selbst etwas wissen und dass sie es in ihren eigenen Worten am besten ausdrücken können.  

    Neuntens: In dieser Initiative steckt auch eine soziale Interaktion, eine Form des Umgangs miteinander: Niemand hält sich für etwas Besseres. Dass wir mit unserem Ansatz bis nach Brüssel gekommen sind, dafür musste Vieles zusammenkommen, übrigens auch die Unterstützung auf Landes- und Bundesebene. Am wichtigsten scheint mir aber der Mut von Kommunalpolitikern und Kulturakteuren, einander zu vertrauen und miteinander eine Arbeitsebene aufzubauen, oft gegen Widerstände, auch gegen Misstrauen und Unverständnis von verschiedenen Seiten. Dass alle etwas zum Gelingen von Gesellschaft beitragen können, das habe ich selbst in der Arbeit an diesem Projekt – die bisher, je nach Zählweise zwanzig oder sieben Jahre gedauert hat – dankbar erfahren können.

    Ich möchte allen danken, die diesen Weg begleitet, gegangen und ermöglicht haben. Auch den Abgeordneten des Landkreises, die nicht im Oderbruch leben und die uns eine Chance gegeben haben, uns zu entwickeln. Und auch den Skeptikern, die letztlich gesagt haben: Na, warten wir es ab. Und natürlich den Protagonisten, die ihre Haut dafür zu Markte getragen haben und dafür eingestanden sind. Die Erleichterung, dass es schließlich auch geklappt hat, stand allen auf der Stirn geschrieben.

    Dieses Projekt wird auch in Zukunft viel Arbeit machen, aber es zeigt: Wenn wir eine egalitäre Haltung mit dem Respekt vor der Leistung des anderen verbinden, dann kann das Landleben gelingen. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen in Ballungsräumen leben wollen, ist das wahrscheinlich auch für andere ländliche Gegenden ein gutes Signal.

    Vielleicht, wir werden es sehen, ist das Landleben doch ein Zukunftsmodell.

  • „Kulturerbe Digital“ 

    Erste Ergebnisse einer Befragung der Kulturerbe-Orte in offenem Rundbrief veröffentlicht

    Die Digitalisierung nimmt enormen Einfluss darauf, wie wir unser Leben gestalten und wie wir zusammenleben.  Hierbei handelt es sich um eine Entwicklung, die selbstverständlich auch an den Kulturerbe-Orten nicht spurlos vorbeigeht. Wie stehen wir als Netzwerk Kulturerbe-Orte zum Thema Digitalisierung mit all seinen Chancen und Herausforderungen für das Kulturerbe und die landschaftliche Bildung?

    Im Rahmen des Projekts „Kulturerbe Digital – Content Gemeinschaft Oderbruch“ wollen wir  gemeinsam mit den Kulturerbe-Orten im Oderbruch das Potential von digitalen Technologien erforschen und in konkrete Vorhaben überführen, um das kulturelle Erbe der Region zu bewahren, öffentlich zu präsentieren und mehr Möglichkeiten der Mitwirkung aller Generationen an der Beschäftigung mit diesem Erbe zu schaffen.

    Was brauchen die Kulturerbe-Orte?

    Oftmals wird Digitalisierung „von oben herab“ entwickelt, an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Deshalb war es uns wichtig, zu Beginn des Projekts zunächst einmal zu fragen: Was verstehen die einzelnen Vertreterinnen und Vertreter der Kulturerbe-Orte unter Digitalisierung im Bereich des Kulturerbes? Welche Entwicklungen erachten sie als sinnvoll und hilfreich? Welche Erfahrungen wurden bislang gemacht und welche Schritte in Richtung Digitalisierung wurden bereits unternommen? Zudem wollten wir mehr darüber erfahren, in welchen Bereichen die Kulturerbe-Orte schon über relevantes Praxiswissen verfügen und wo konkreter Bedarf nach Weiterbildung besteht. Im April 2022 starteten wir deshalb mit einer Befragung von insgesamt 40 VertreterInnen der Kulturerbe-Orte, initiiert durch Alex Schirmer und Johanna Ickert. Die Gespräche fanden sowohl telefonisch als auch in Form persönlicher Treffen statt, bei denen auch viele der Dokumente und Exponate gezeigt wurden, die in den Dorfmuseen, Heimatstuben und Baudenkmälern des Oderbruchs existieren, bislang aber nur vor Ort einsehbar sind.

    Die Ergebnisse der Befragung sind spannend und vielfältig und regen zur weiteren Diskussion und Vertiefung an. Ein erstes Fazit kann bereits gezogen werden: Kulturerbe-Orte sehen viel Potential in digitalen Anwendungen und stehen diesen überwiegend offen und interessiert gegenüber. Die meisten Kulturerbe-Orte haben bereits Schritte in Richtung Digitalisierung unternommen – diese reichen von der digitalen Inventarisierung und Archivierung über die Erstellung multimedialer Inhalte für Ausstellungen und Führungen bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentation mithilfe digitaler Medien. Das Potential von Digitalisierungsprojekten wird vor allem in den Bereichen der Inventarisierung, also der digitalen Sammlungserfassung, als auch bezüglich der öffentlichen Präsentation der Kulturerbe-Orte gesehen. Vor dem Hintergrund des Verlusts einzigartiger Zeitzeugen und Erzähler der Kulturerbe-Orte, der viele Fragen und Wissenslücken hinterlassen hat, erscheint gerade die Sicherung von lokalhistorischem Wissen vielen Kulturerbe-Orte besonders relevant. Rund die Hälfte der Befragten hebt zudem hervor, dass die Arbeit innerhalb des Netzwerkes noch sehr vereinzelt stattfindet und ein großes Bedürfnis nach Zusammenarbeit und dem Ausloten von Synergien innerhalb des Netzwerkes existiert.

    Gibt es auch Risiken?

    Allerdings gibt es auch verschiedene Bedenken: Wie soll ein stärkeres Engagement im Bereich Digitalisierung im Kontext von Ehrenamt und knapper Zeit ohne finanzielle bzw. personelle Unterstützung gelingen? Birgt Digitalisierung nicht auch immer das Risiko, dass die sinnliche Erfahrung, die konkrete Begegnung vor Ort und das persönliche Zwiegespräch zurückgedrängt wird?  Wie geht man mit ungeklärten Urheberrechten um? Erhöht eine größere Sichtbarkeit im Netz nicht auch das Risiko von Diebstahl? Führt sie gar dazu, dass Menschen nicht neugieriger auf die Vor-Ort-Besichtigung werden, sondern ihren Besuch vielmehr „digital abhalten“? Wie lässt sich die – vielen Kultuererbe-Orten sehr aufwändig erscheinende – digitale Inventarisierung und Archivierung vereinfachen und standardisieren, sodass auch eine interessierte Öffentlichkeit die Möglichkeit hat, am  Kulturerbe unserer Region teilzuhaben?

    Die Befragung war ein erster Schritt, um Grundlagen für einen sicherlich komplexen, längeren Prozesses zu schaffen, den wir gemeinsam mit ihnen gestalten möchten. Wir danken allen Kulturerbe-Orten für ihre Offenheit und die Zeit, die sie sich für ein Gespräch genommen haben und für die vielen wertvollen Impulse. Die Ergebnisse der Befragung sind vielschichtig und umfangreich und bedürfen nun einer weiteren, detaillierten Auswertung. Wir werden diese Arbeit zum Anlass nehmen, uns in den kommenden Wochen auch intensiv mit neuen digitalen Anwendungen zu befassen. Diesen Sommer erarbeiten wir auf der Grundlage der Ergebnisse der Befragung einen Vorschlag, wie digitale Inhalte der Kulturerbe-Orte gemeinsam präsentiert und genutzt werden können:

    Am 17. September 2022 stellen wir die Ergebnisse innerhalb des Kaffeegesprächs für Heimatkultur vor und zur Diskussion. Das Kaffeegespräch für Heimatkultur findet innerhalb des Kulturerbe-Netzwerkes bereits zum sieben Mal statt.

    Wir bieten in diesem Jahr zudem eine Reihe von kostenlosen Weiterbildungsangeboten an. Weitere Informationen finden Sie HIER

    Wir freuen uns auf diese weitere Zusammenarbeit mit Ihnen an diesem spannenden Vorhaben! Weitere Anregungen, Gedanken und kritische Kommentare von Ihnen sind stets herzlich willkommen.