Heimatliebe und Geschichtsbewusstsein

Kienitz – Panzerdenkmal zum Zweiten Weltkrieg

Reise durch die Kulturerbe-Orte des Oderbruchs – Episode 11

Ein Fahrrad ist wohl das beste Verkehrsmittel, um das Oderbruch zu durchqueren. Es bietet die perfekte Reisegeschwindigkeit, um sich treiben zu lassen, die Bruchlandschaft zu genießen und hier und da zu verweilen. Viele kleinere Radwege kreuzen sich in den Weiten der Region und ermöglichen einen Abstecher zu interessanten Kulturerbe-Orten. Direkt entlang der Oder entlang verläuft zudem der 630 Kilometer lange Neiße-Oder-Radweg. Ein Fernradweg, der von der Quelle der Lausitzer Neiße in Tschechien bis an die Ostsee reicht. Er führt direkt durch Kienitz, einem erst kürzlich ausgewiesenen Kulturerbe-Ort.

Kienitz, ein ehemaliges Fischerdorf an der Oder, wurde erstmals 1234 als „Terra Chinz“ urkundlich erwähnt. Archäologen gehen aber davon aus, dass höhergelegene Oderbruchdörfer wie Kienitz, die von den saisonalen Hochwassern der Oder verschont blieben, bereits in der Jungsteinzeit besiedelt waren. Überregionale Aufmerksamkeit wurde dem Ort allerdings erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu teil. In den frühen Morgenstunden des 31. Januar 1945 überschritten Truppen der Roten Armee die Oder und bildeten den ersten Brückenkopf auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Ein Vierteljahr später, nach der Schlacht um Berlin, wurde der Krieg durch die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht beendet. Der Brückenkopf und die schweren Kämpfe im Oderbruch wurden zum Anlass genommen, 1970 in Kienitz eine Gedenkstätte einzurichten. Seitdem steht mitten im Ort ein T-34-Panzer auf einem Beton-Sockel. Dieser Panzertyp gilt als der bekannteste sowjetische Panzer des Zweiten Weltkriegs. Allein von 1940 bis 1945 sollen 56.400 Stück gebaut worden sein. Die enorme Anzahl trug maßgeblich zum Sieg der Roten Armee bei.

Inzwischen ist das Panzer-Denkmal zu einem Hotspot des bescheidenen Tourismus im Oderbruch geworden. Zum Denkmal-Ensemble in Kienitz, welches zu Weltkriegs Ereignissen Auskunft geben soll, gehören außerdem das Denkmal „Erster Weltkrieg“, das Denkmal „Den Opfern 1939-1945“ und die Gedenk-Stele an der Fährstraße, dem ehemaligen Brückenkopf an der Oder. Die Gedenkorte werden durch die Mitglieder des Kienitzer Ortsvereins Heimat und Landschaft e. V. betreut. Ihr Vermächtnis ist es, die Erinnerung und das Gedenken an die Gefallenen sowie an die Leiden der Zivilbevölkerung, wach zu halten. Bereits aus dem Ersten Weltkrieg 1914-1918 kehrten viele Väter und Söhne nicht mehr in ihre Dörfer an die Oder zurück. An sie erinnert eine historische Bronzetafel – sie fielen „den Heldentod fürs Vaterland“.

Im Frühjahr 1945 zog dann der Zweite Weltkrieg mit seiner brutalen Realität durch die Dörfer. Auf den Äckern des Oderbruchs wurden die blutigsten Schlachten geschlagen. Tausende Soldaten und Zivilisten fielen ihnen zum Opfer, hunderte Gebäude wurden zerstört. Den Gefallenen zum Gedenken findet am 31. Januar jeden Jahres eine Veranstaltung am Panzer-Denkmal statt. Angesichts der derzeitigen geopolitischen Spannungen am östlichen Rand Europas, kann nicht oft genug daran erinnert werden, dass Kriege nur Leid und Opfer hervorbringen. „Umso wichtiger ist die Mahnung an diesen Teil der Geschichte. Möge diese Mahnung dazu beitragen, dass sich das Erbe der Zerstörung nicht wiederholt“, sagte Christine Gambke vom Heimatverein anlässlich der Gedenkveranstaltung 2022. Als Schülerin war sie bereits bei der Einweihung des Panzer-Denkmals dabei. Christine Gambke rezitierte ein Gedicht, der Kienitzerin Frida Strache, welches sie 1984 im Alter von 77 Jahren schrieb. Kulturerbe im Oderbruch, das ist Heimatliebe aber auch Geschichtsbewusstsein.

Bekenntnis zur Heimat

Ich stehe sinnend am Oderstrand,
stromauf und stromab geht mein Blick.
Und Erinnerung weht übers flache Land,
weit gehen die Gedanken zurück.

Fast vierzig Jahre Frieden im Land;  
für die Menschheit welch großes Glück!
Der eine reichte dem andern die Hand,
sie tatens mit Kraft und Geschick.

Was der eine nicht schaffte, der Freund war dabei;
so ging stetig ein Helfen und Streben.
Nicht Kanonendonner und Kriegsgeschrei –
Das Lied von der Freundschaft soll leben!

Leicht rieselt dahin der Oderstrom,
es grünt auf den Wiesen und Deichen.
Übers Wasser, so blau wie der der Himmelsdom
lasst uns die Bruderhand reichen!

Lastenschiffe ziehen auf und nieder. –
Ich möchte singen die schönsten Lieder.
Die Vöglein stimmen bestimmt mit ein.
Herrgott, ich möchte dir dankbar sein!

Menschen, erhaltet Glück und Leben.
Es wird euch kein Zweites Mal gegeben!
Herz und Liebe dem Heimatland,
meinem kleinen Kienitz am Oderstrand!

Kulturerbeort:
Denkmal-Ensemble in Kienitz, Straße der Befreiung 18, 15324 Letschin OT Kienitz.

Bisher erschiene Episoden können Sie unter folgendem Link lesen: https://blog.oderbruchmuseum.de/category/kulturerbe.
Weitere Informationen zu den Kulturerbe-Orten finden Sie unter: www.oderbruchmuseum.de/kulturerbe-orte. Die Broschüre „Schau ins Bruch“ führt Sie durch das Oderbruch. Sie ist an touristischen Punkten und im Museum kostenlos erhältlich.