Kur und Natur in Bad Freienwalde

Kerstin Götter und Sybille Knospe bewahren das Erbe von Erna und Kurt Kretschmann

Reise durch die Kulturerbe-Orte des Oderbruchs – Episode 5

Geografisch wird das Oderbruch im Westen durch das Barnim-Plateau begrenzt. Am Fuß des Höhenzugs, zentral gelegen, befindet sich der Moor-Kurort Bad Freienwalde. Theodor Fontane, der märkische Dichter, adelte einst die Stadt mit den Worten „Freienwalde – hübsches Wort für hübschen Ort“. Wann immer er seinen Vater in Schiffmühle besuchte, so kam er wohl von Eberswalde aus, in den Kurort. Bis Eberswalde-Neustadt reiste er mit der Dampflok und wechselte dort in die Postkutsche. Wir heute Reisende haben es bequemer, denn in kurzer Zeit bringt uns eine Regionalbahn von Eberswalde in das Oderbruch. Die Stadt beschreibt Fontane seinerzeit als sehr belebt: „Freienwalde ist eine Bergstadt, aber nicht minder ist es ein Badeort, eine Fremdenstadt. Wir haben erst eine einzige Straße passiert und schon haben wir fünf Hôtels und eine Hofapotheke gezählt; noch sind wir nicht ausgestiegen, und schon rasseln andere Postwagen von rechts und links heran“. Seinen Ruf begründete die Stadt mit der Entdeckung einer Quelle, der eine gewisse Heilkraft zugeschrieben wurde. Auch heute noch sieht man Besucher im Kurpark, die sich das Wasser der Kurfürstenquelle in Flaschen abfüllen. Schon immer nutzten Einheimische die Quellen gegen allerlei Zipperlein. „Jedenfalls war der Ruf und Ruhm des Freienwalder Quells allerlokalster Natur, bis 1684 die Kunde nach Berlin und bis in das kurfürstliche Schloß drang, daß in Freienwalde ein »mineralisches Wasser« entdeckt worden sei. Der Kurfürst, bereits in seinen alten Tagen und von der Gicht schwer geplagt, schöpfte Hoffnung…“, so erzählt Fontane, in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg, von der Heilquelle. Noch im selben Jahr waren Kurfürst und Gemahlin die ersten Kurgäste. Bereits ein Jahr später wurden in ihrem Schlepptau 1500 Gäste in der Stadt gezählt. Es folgte ein rascher Aufstieg zum Kur- und Badeort.

Zeugnisse dieser Stadtentwicklung, mit ihren Höhen und Tiefen, werden im Kulturerbe-Ort Oderlandmuseum gesammelt. Das 1889 gegründete Museum gehört zu den ältesten des Landes Brandenburg. Seit 1952 ist es im Loebenschen Freihaus untergebracht, einem der schönsten Freienwalder Häuser aus dem 18. Jahrhundert. Neben Details zur Stadtgeschichte, erfahren wir dort Interessantes über die Besiedlungsgeschichte des Oderbruchs, dessen Landschaftsbild durch die Trockenlegung im 18. Jahrhundert wesentlich verändert wurde. Nach dem Museumsbesuch empfiehlt sich ein mittels Audio-Guide geführter Bummel durch die sanierte Altstadt. „Fontane“ höchstpersönlich führt durch die Geschichte und Geschichten Freienwaldes. Genaue Informationen hält die Tourist-Info neben dem Museum bereit.

Durch die Altstadt, vorbei am Schloss Freienwalde, führt uns der Weg zum zweiten Kulturerbe-Ort, zum Haus der Naturpflege. Einst Arbeits- und Wohnort, heute Gedenkort für die Pioniere des Naturschutzes Erna und Kurt Kretschmann. Das kleine, in den Hang gebaute, Blockhaus wurde zudem 1952 der Geburtsort des bekannten ostdeutschen Naturschutzsymbols. Das gelbe Schild mit der schwarzen Waldohreule ist deutlich sympathischer als sein westdeutsches Pendant, das eher an ein Verkehrszeichen erinnert. Stetig setzt es seinen Siegeszug durch die Bundesländer westlich der Elbe fort. Über das Leben und Wirken der Kretschmanns gäbe es viel zu erzählen. Das übernimmt gern Kerstin Götter, die Chefin dieses Naturschutz-Museums, bei einer Führung durch den parkähnlichen Garten. Der Pazifist und Vegetarier Kurt Kretschmann versteckte sich 1945 nach einem Fronturlaub auf dem heutigen Gelände des Hauses der Naturpflege und wartete in einem Erdloch 75 Tage auf das Ende des Zweiten Weltkriegs. Später baute er an diesem Ort das bekannte Gartenhaus. Das Lebensideal der Kretschmanns war es, in und mit der Natur zu leben. Ihnen genügte ein verhältnismäßig kleines Holzhaus, denn ihr Wohnzimmer sei der Garten gewesen, sagt Kerstin Götter. Bereits 1946, als Naturschutzbeauftragter des Altkreises Oberbarnim, wirkte Kurt Kretschmann auch ins Oderbruch. Er regte die Bepflanzung von Dorfangern mit Vogelschutzgehölzen an und sorgte dafür, dass sie für alle zugänglich blieben. Wo immer möglich initiierte er im Oderbruch Naturschutzprojekte. Ab etwa 1960 fing das Paar mit der Umgestaltung ihrer Gartenanlage, zum öffentlichen „Haus der Naturpflege“ an, als Lehrbeispiel für praktischen Naturschutz und Gartenbau. Im Mulchgarten zum Beispiel erforschten die Kretschmanns den Kreislauf der Natur. Dort setzten sie dem Regenwurm und seinen tierischen Mitstreitern im Humus-Kreislauf ein Denkmal. Naturliebhaber sollten sich einen Spaziergang durch den Schau-Garten gönnen. Eine unglaubliche Artenvielfalt an Kräutern, Nutz- und Zierpflanzen gibt es zu bestaunen. Am höchsten Punkt des Geländes steht der etwa 13 Meter hohe hölzerne Eulenturm und bietet einen weiten Blick in die Landschaft. Das Haus der Naturpflege sei unbedingt Familien mit Kindern empfohlen. Es biete auch Übernachtungen in Finnhütten oder im „Heuhotel“ an.

Kurt Kretschmann gründete 1976 die europaweit agierende Arbeitsgruppe zum Schutz des Weißstorchs. Er wurde 1991 zum Ehrenpräsidenten des Naturschutzbundes Deutschlands berufen. Zwei Jahre später erhielt er gemeinsam mit seiner Frau den Europäischen Umweltpreis.

Kulturerbeorte:
Oderlandmuseum, Uchtenhagenstraße 2, 16259 Bad Freienwalde, Telefon:
0 33 44  20 56, www.oderlandmuseum.de
Haus der Naturpflege e.V., Dr.-Max-Kienitz-Weg 2, 16259 Bad Freienwalde, Telefon:
0 33 44  35 82, www.haus-der-naturpflege.de

Weitere Informationen zu den Kulturerbe-Orten finden Sie unter: www.oderbruchmuseum.de/kulturerbe-orte. Die Broschüre „Schau ins Bruch“ führt Sie durch das Oderbruch. Sie ist an touristischen Punkten und im Museum kostenlos erhältlich.